[cooperari]
Ihr eigener Schweiß die Lippen bedeckend erwachte sie, außer Atem, der letzten Momente des Schreies bewusst, welcher sie aus dem REM-Schlaf zurück in den Futon riss.
“Vor wem müssen wir uns diesmal fürchten?”
Laikas graue, spaltbreit geöffnete Augen waren durch die aktiven Restlichtverstärkerimplantate mit variierend smaragdfarben schimmerndem Stellen versehen.
“Schon wieder Ragnarök?” Sie klang routiniert gelangweilt. “Durch wen verursacht? Eine zen-buddhistische AI? Vegetarische Nanoviren? Komm schon.”
Die Erwachte zitterte, beide Hände in die Kamelhaardecke gekrallt.
Sie erinnerte sich an eine zierliche Frau, in eine schneeweiße Mönchskutte gehüllt, vor einem Kontoauszugsdrucker. “Durch mich, denke ich.”
Laika schüttelte ihr Kopfkissen aus, legte den aufgerichteten Kopf nieder und starrte an die frischgeweißte Zimmerdecke. “Lass uns schlafen. Die nächsten Tage werden wir wohl wieder nicht dazu kommen.”
Als sie aus dem venetianischen Fenster auf den vom Sonnenaufgang illuminierten gottverlassenen Kreisverkehr eine Viertelmeile unter sich blickte, wusste sie nicht, inwieweit sie sich diesmal über den Weg traute.
2^4 Vorhersagen. Jede mit einer Schar von Akolyten versehen, das Sektenspektrum um agnostische, technophobische Panoramen bereichernd.
Potente, invasive Kollektive, welche Wohn– und Industrieviertel gentrifizierten, ihren Gläubigen zu Verfügung stellten.
Laikas knochiger Schädel schmiegte sich an ihrem. “Frühstück..”, hauchte sie. Ihr metro-camoufliertes Kunststoffarmband verströmte den Geruch verschiedener Fischsorten, darunter den frischen Aals. Warmer Sake würde auch auf sie warten, das wusste sie.
Laika musste schon vor Stunden auf dem Fischmarkt gewesen sein, im Disput mit all den Feinkosthändlern und Restauranteinkäufern, um ihr das Frühstück zu ermöglichen.
Bona fide, seit Jahren an ihrer Seite.
Ursprünglich für die verbliebenen staatlichen Ordnungskräfte zur Aufklärung und Versorgung entwickelt, wurde diese ePet-Serie im vergangenen Jahrzehnt zum Trademark der Gemeinde der Varieterevolutionäre - entstanden aus einer Akrobatengewerkschaft - mit implementierten Variationen des Bosozoku-Kults, verwurzelt im Japan der 50er Jahre des alten Jahrtausends.
Laika, der Name Ihrer Großmutter, verdrängt. Sie selbst, die Frau vor dem Geldautomaten, so dürr. Wann war sie? Spiegel fehlten.
Gedanken, die schmolzen wie Honigbonbons.
Der frittierte Aal, mit Dillrahm beträufelt, schlug sich wacker im Wettstreit mit dem kalten Metallgeschmack des Implantants in ihrem Mund. Kein Synth-Kram wie ihn sich die asozialen Gesichter unten im Ostviertel in den urgruseligen Fischbuden immer reindrückten; ein Fest für die gemergelten Sinne, der Junmai-shu solide sackend.
Sie aßen schweigend. Kaum Kraft zum Sprechen, der Geist der vergangenen Nacht über beiden, dunkel und verwaschen.
Tatsache war, dass sie beide noch vor High Noon hier raus mussten, sollten sie nicht in Blut baden wollen. Die überbezahlten, übermotivierten, nano-verseuchten Squads des 4. gesonderten Einsatzkorps der Steuerfahndung waren nicht dafür bekannt schlampig zu sein, noch entgegen Ihrem Motto - „Nachzahlung? Wir nehmen deine Hand als Anzahlung.“ – zu agieren.
Drückend, der Trip, dachte sie. Was mit „Optimierung des Tectum“ konnte sie sich noch nuscheln hören.
„Was meinste?“, grunzend, schmatzend, Aalhaut zwischen den Carbonklauen.
„Du frisst für zwei. Wir müssen weg hier.“, hörte sie sich mit fremder Stimme sagen.
Durch Tage, Wochen, ewig scheinendes Vagabundieren, die Aussicht verloren auf einen Job, der nicht die Knochen klirren, sie nicht kotzen ließ.
„Du gehst vor.“
Sie stand dicht an die kalte Wand des Treppenhauses gepresst, Laikas Schritte um die Fäkalienhaufen wahrnehmend, dem Landregen und dem Zischen von Wasser auf Neonreklamen lauschend. Weit weg, ein kurzer harter Schrei, das Rauschen der Sektenexklaven.
Aussetzige Jünger der Age-of-Grey-Kirche spukten, angelockt von den wenigen Sonnenstrahlen unten, im Morgendunst, jenseits des Kreisels zwischen Wracks umher. Deren Blicke fixierten sie, dachte Caz, sah zu ihnen, erkannte die Selbsttäuschung.
Schleppend, doch wachsam, bemerkte sie aus dem Augenwinkeln wie einer dieser verrückten Pizzaboten mit quietschenden Reifen um die Ecke bog, direkt auf sie zuhielt. Soviel Nano-Enhancement, wie diese Jungs sich in den Occipitallappen basteln ließen, das war ungesund, blendete so etwas Unbedeutendes wie Passanten einfach aus.
“Wooosh.” Sie verlagerte ihren nominalen Körperschwerpunkt, nur das Spritzwasser seines Ratbikes auf ihre Stiefel spritzend.
Laika setzte zur Verfolgung an, berechnete im Femtosekundentakt die Chancen diesen Boten, der, so munkelte die Straße, bolschewistischen Fast-Food-Kette “Joes Surfin` Pizza”, noch von der Maschine zu reissen.
Auf Kommandos zu warten, das wäre nicht ihr Bot gewesen, dachte sie, Laika und den dreckigen Kurierfahrer ihrem Schicksal überlassend.
Eine halbe Stunde später sah sie die Grenze der Altstadt. Sektenterritorium. Dort wuchs sie auf, versteckte sich vor Nachbarskindern in der Kapelle des Doms, hinter Automaten ausgebombter Bankfilialen, in überwucherten barocken Gartenanlagen. Laika wäre jetzt lebensbedrohlicher Ballast in ihrer Gesellschaft gewesen.
Geräusche, wie das Gurren eines halben Dutzends Tauben, begrüßten ihre ersten Schritte in der Theaterstraße. Eine Abordnung der Tauben, im Sekundendtakt aus den Portalen der mehrstöckigen Ruinen vor ihr fliegend, baute sich einen Steinwurf entfernt von ihr auf, 4 Tauben nebeneinander.
“Aloha.”
“Cui bono?” Das Mädchen, ihr bis zur Hüfte reichend, primus inter pares, spuckte sie fast durch ihre Zahnlücke an. Geflickte schwarze Kutten, rasierte Schädel. Hüter Floras augenscheinlich, ihre erste Sektenkreation, nicht eben ihr Meisterstück.
“Ich bin Gott.”
Freudentränen entflohen augenblicklich den Augen der Kinder. “Warte hier. Bitte..” Grinsend wie Honigkuchenpferde rannten sie zurück in die Ruinen.
Mhh. Sie konnte warten, inmitten der Krater in der Straßendecke, .
Das Dutzend Cherubim, barfuß und in makellose Seidengewänder gehüllt, welches sich eine Zigarettenpause später vor ihr sammelte, erstaunte sie doch.
Eva, die Frontsau, kniete vor ihr nieder, ein Bündel haltend.
Die Kinder marschierten paarweise, 30 Schritt pro Minute, gregorianische Choräle intonierend. Caz wünschte ihnen Gesangsunterricht.
Auf Höhe des Theaters sah sie die Reflektion ihrer selbst im Splitter einer Glasfront.
Eine zierliche Frau, in eine schneeweiße Mönchskutte gehüllt, vor einem Kontoauszugsdrucker.